Der Tag des Schwangerschaftsabbruchs

Wir sind am Montag wie vereinbart im Krankenhaus erschienen und haben uns wieder in der gynäkologischen Ambulanz angemeldet. Dort mussten wir diesmal zum Glück nicht allzu lange warten. Nachdem wir alle Fragen beantwortet haben, wurden wir zur Besprechung in die Anästhesie geschickt.

Warum haben ich mich gefragt, da ein Abbruch in dieser Woche bereits mit einem normalen Geburtsvorgang einhergeht.
Die Anästhesistin erklärte uns aber, dass bei Geburten in dieser Woche, meistens etwas von der Plazenta zurück bleibt und dies müsste nach der Geburt mit einer Ausschabung entfernt werden.
Ansonsten war alles in Ordnung und wir konnten uns auf der Station vorstellen.

Auf der Station wurden wir freundlich begrüßt und aufs Zimmer geführt. Dort hat uns die Stationsschwester gefragt, ob ich, da es länger dauern kann, mit im Zimmer übernachten möchte. Dies würde mit einer kleinen Zuzahlung gehen. Dieses Angebot nahm ich natürlich an, da ich meine Frau ohnehin nicht alleine lassen wollte.

Darüber hinaus wurden wir gefragt, ob wir mit einer Seelsorgerin sprechen möchten. Meine Frau hat auch dieses Angebot dankbar angenommen.

Wenig später erschien die Stationsärztin mit der Infusion, die die Schwangerschaft einleiten sollte. Als meine Frau Sie sah, fing sie zu weinen an, da ihr bewusst wurde, dass es nun los geht und das es dann kein Zurück mehr gibt.

Als sie sich wieder beruhigt hatte, wurde die Infusion angeschlossen und das Mittel lief innerhalb kurzer Zeit in ihre Vene.

Nun hieß es warten. Laut Ärztin kann es bis zu 3 Tagen dauern, bis es los geht. Nach dieser Info waren wir erstmal geschockt, da wir davon ausgingen, dass jetzt relativ schnell die Wehen einsetzen werden.

Am Nachmittag kam die Seelsorgerin. Sie war gar nicht informiert, welches Schicksal sie erwartet und so mussten wir ihr erstmal erklären warum sie überhaupt hier ist.
Als sie das erfahren hat, hat sie davon erzählt, dass sie vor vielen Jahren ebenfalls eine totes Kind zur Welt gebracht hat. Ist natürlich tragisch und sicherlich wollte sie uns auch ein Gefühl geben, dass wir nicht alleine damit auf der Welt sind. Aber nachdem sie fast 30 Minuten lang nur von sich erzählt hat und meine Frau ihr dann immer wieder Mut zugesprochen hat, fragte ich mich tatsächlich wer hier eigentlich die Seelsorgerin ist.
Sie hat sich dann verabschiedet und ich war froh als es vorbei war.

Und dann fingen doch schon die Wehen an. Die Stationsschwester konnte gar nicht glauben, dass es wirklich jetzt schon losgehen sollte, da es sonst, wie oben geschrieben, eigentlich länger dauert.

Die Wehen:
Ich kann es nicht schön reden. Die Wehen tuen weh, egal in welcher Woche sich die Schwangerschaft befindet. Meine Frau hatte ziemlich große Schmerzen. Sie hat allerdings gute Medikamente bekommen, die bei normalen Geburten niemals verabreicht würden. Allerdings dauerte es mehr als 1 Stunde bis das Mittel wirklich gewirkt hat. Daher empfehle ich, sich ein Schmerzmittel geben zu lassen, sobald die Wehen anfangen und nicht, wenn man es nicht mehr aushält.

Die Stationsschwester hat uns dann gefragt, ob wir uns vom Kind nach der Geburt verabschieden wollen und ob wir das Kind in einer Sammelbestattung beerdingen wollen. Sammelbestattung, da Kinder in dieser frühen Schwangerschaftswochen nicht beerdigt werden müssen.
Deshalb gibt es alle 3 Monate ein Bestattung für die Kinder, die in dieser Zeit im Mutterleib gestorben sind.

Wir wollten beides. Sowohl die Verabschiedung, als auch die Beerdigung.
Besonders bei der Verabschiedung hatte ich ein mulmiges Gefühl im Magen, als ich daran gedacht habe. Ich konnte mir zu dem Zeitpunkt nicht wirklich vorstellen, dass ich mir das Kind anschauen könnte. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte irgendwie Angst davor.

Nach 5 Stunden wehen, kam unser Kind tot zur Welt. Es ist ein Junge und wir haben ihm den Namen Jakob gegeben. Meine Frau wollte es sofort auf den Arm nehmen und es streicheln. Obwohl ich anfangs dachte, dass ich mir das Kind nicht ansehen kann, war dieses Gefühl auf einmal völlig anders. Auf einmal hatte ich ein sehr großes Bedürfnis unser totes Kind zu sehen. Es war wunderschön!

Das Kind wurde dann von der Ärztin mitgenommen und die Stationsschwester macht meiner Frau das Bett frisch, gab ihr eine Netzunterhose mit dicken Einlagen und ein Beruhigungsmittel und lies uns allein.
Meine Frau weinte natürlich hemmungslos und auf einmal begriff auch ich was gerade geschehen war. Ich verzog mich ins Badezimmer und weinte ebenfalls dicke Tränen.

Dies ist einfach ein unglaublich trauriger Moment, den ich gar nicht in Worte fassen kann und will. Auch jetzt, beim Schreiben, habe ich wieder Tränen in den Augen, weil ich alles wieder vor mir sehe.

Irgendwann nachts, als wir uns beruhigt hatten, bin ich zur Stationsschwester gegangen und habe ihr gesagt, dass wir uns jetzt gerne von unserem Kind verabschieden möchten.
Kurze Zeit später kam sie mit einem Körbchen. Im Körbchen lag eine blaue Strickjacke für neu geborene Babies und darin eingewickelt lag unser toter Sohn. Meine Frau nahm das Körbchen und die Schwester lies uns allein. Natürlich fingen wir beide wieder an zu weinen. Wir haben das Kind gestreichelt und geküsst und uns so von ihm verabschiedet.
Ich kann an der Stelle nur alle dazu ermutigen, sich so von ihrem Kind zu verabschieden. Hätte ich es nicht getan, würde ich mir heute Vorwürfe machen und ich weiß nicht, wie ich das ganze, was sehr emotional war, verarbeitet hätte.

Nach ca. 30 Minuten ließen wir das Körbchen wieder abholen und irgendwann in der Nacht, sind wir beide eingeschlafen.

Am nächsten Morgen bin ich zu uns nach Hause gefahren und habe jeweils von meinem Sohn und meiner Tochter ein kleines Kuscheltier genommen und es mit ins Krankenhaus gebracht, denn dies durften wir dem Kind mitgeben.

Am Nachmittag wurde meine Frau dann entlassen und ich konnte sie mit nach Hause nehmen. Zum Schluß bekamen wir noch das blaue Strickjäckchen in dem unser Sohn eingewickelt war. Dies haben wir an einem zentralen Ort im Haus als Andenken aufgehängt.

Besprechung im Krankenhaus

Einleitung in persönlicher Sache: Ich habe jetzt etwas Zeit gebraucht um die Dinge, die Geschehen sind, zu verarbeiten. Wie bereits geschrieben, bin ich eher der Verdränger-Typ und somit habe ich die ganze Zeit versucht nicht daran zu denken. Auch nicht an diesen Block. Je näher allerdings, der Beerdigungstermin rückt, umso mehr denkt man natürlich wieder an alle Ereignisse und nun ist auch wieder das Bedürfnis da, sich das Geschehene von der Seele zu schreiben.

Am nächsten Tag, einem Freitag, waren wir zur vereinbarten Zeit im Krankenhaus und warteten nach der Anmeldung in der gynäkologischen Ambulanz.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir dran waren. Insgesamt haben wir etwa 3 Stunden gewartet.

Im Behandlungsraum hat uns dann der Chefarzt nochmal alles im Detail erklärt. Er hat darüber gesprochen das es sehr unwahrscheinlich ist, dass das Kind lebend die Schwangerschaft übersteht. Wenn doch, dann wird es aller Wahrscheinlichkeit sehr kurz nach der Geburt schon sterben.

Mit diesen Fakten konnten wir uns am Vortag, dank Internets, schon auseinander setzen. Somit haben uns die Worte nicht überrascht.

Wir haben uns dann, schweren Herzens, für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und dafür einen Termin vereinbart.
Meine Frau wollte, logischer Weise, dass das Kind sofort geholt wird.
Der Chefarzt hat dies jedoch auf Grund der Rumpfbesetzung seiner Mannschaft am Wochenende auf Montag gelegt.
Nun hieß es doch noch 2 Tage warten.

Die nächsten 2 Tage waren dann auch der Horror. Ständig die Frage, tun wir das Richtige. Was wäre, wenn die Fruchtwasserprobe im Labor vertauscht wurde und unser Kind gesund ist. Es sieht doch auch auf den Ultraschallbildern Gesund aus. Alles normal entwickelt. Die Zweifel waren groß.
Aber auch das ist in dieser Woche noch normal. Die Missbildungen kommen später. Dennoch malt man sich alle möglichen Dinge in der Zwischenzeit aus und man hat das Gefühl verrückt zu werden.